Auf halbem Weg
Wirtschaftsakademikerinnen: 75 Prozent vom Männergehalt und geringere Berufschancen
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lösten Frauen, die Volkswirtschaft studierten, bei ihren Kommilitonen noch Irritation aus; heute sind in den Wirtschaftswissenschaften rund ein Drittel der Studierenden Frauen, Tendenz steigend. Das Buch „Auf halbem Weg“ untersucht den Wandel der Studien- und Arbeitsmarktsituation von Ökonominnen seit 1800.
Beginnend bei den Buchhalterinnen und Kontoristinnen zeichnen die Autorinnen Andrea-Hilla Carl, Friederike Maier und Dorothea Schmidt den Weg der Wirtschaftsakademikerinnen über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren nach. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhren die Wirtschaftsberufe insgesamt einen starken Zulauf. In der Bundesrepublik blieben die Wirtschaftswissenschaften lange Zeit ein männlich dominiertes Feld. Erst seit 1990 gelangen Wirtschaftsakademikerinnen in den alten Bundesländern vermehrt in Positionen, die für sie früher unerreichbar waren, so die Autorinnen.
Mit ihrer zunehmenden Präsenz in den wirtschaftlichen Fächern haben Frauen aber erst die erste Hälfte des Weges zurückgelegt, resümieren Carl, Maier und Schmidt. Denn obwohl es bei den Beschäftigungsformen zwischen den Geschlechtern kaum noch Unterschiede gibt, sind bei den Einkommen von Beginn an große Unterschiede festzustellen, die mit den Jahren der Berufstätigkeit noch zunehmen. Ausschlaggebend dafür sei unter anderem, dass Männer gleich „höher einsteigen“ und die Berufskarriere als wissenschaftliche Angestellte beginnen, während die gleich qualifizierte Absolventin häufig zunächst Sachbearbeiterin wird. Insbesondere ab dem vierten Jahr nehmen die Einkommensunterschiede den Autorinnen zufolge zu. Nach zehn Jahren verdienen Frauen im Durchschnitt nur noch 72 Prozent des Gehalts der Männer.
Dafür machen sie nicht nur gesellschaftliche Rahmenbedingungen verantwortlich, die das Geschlecht immer noch zu einem Kriterium der Differenz machen, und die Personalpolitik in den Betrieben, sondern auch das Verhalten der Frauen selbst: Mit Blick auf die eigenen Karrierechance berücksichtigten Frauen die Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie immer schon mit und fühlten sich stärker als Männer dafür zuständig, entsprechende Arrangements zu finden. Das Fazit der Autorinnen: Die Grenzziehungen zwischen den Geschlechtern sind auf dem Arbeitsmarkt noch von Bedeutung - wenn sie auch subtiler wirken und weniger legitimierbar sind als vor 100 Jahren.
Andrea-Hilla Carl, Friederike Maier, Dorothea Schmidt: Auf halbem Weg. Die Studien- und Arbeitsmarktsituation von Ökonominnen im Wandel, Berlin: Edition Sigma 2008, ISBN: 978-3-89404-794-8, 189 Seiten, 15,90 Euro.
Erstellt am: 18.05.2009
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