„Noch wird zu wenig gegen Vorurteile interveniert“
Interview mit Professorin Susanne Baer über die Konzepte der deutschen Hochschulen zur Gender-Kompetenz
Susanne Baer ist Professorin für Öffentliches Recht und Geschlechterstudien an der Juristischen Fakultät der Humboldt Universität zu Berlin. Als Direktorin des GenderKompetenzZentrums prüft sie die Konzepte der Hochschulen, die sich mit Gender-Kompetenz bei der Excellenzinitiative bewerben. Der Begriff Gender-Kompetenz umfasst die Fähigkeit, relevante Geschlechteraspekte zu erkennen und gleichstellungsorientiert zu handeln.
Geben sich die Hochschulen mehr Mühe als früher, Frauen als Studierende und als Lehrende zu unterstützen?
Professorin Dr. Susanne Baer: Teils, teils. In vielen Hochschulen hat sich sehr viel bewegt, in manchen tut sich noch zu wenig, und manchmal tun Hochschulen auch das Falsche. Es gibt viele Mentoring-Programme im Bereich der Wissenschaft. Punktuell entwickeln sich tatsächlich belastbare Netzwerke. Aber systematisch wird noch zu wenig gegen Vorurteile interveniert. Es gibt noch zu wenig Förderung für Gender-Aspekte in der Lehre. Und es gibt eine Abwertung der Lehre, die als weibliche Kompetenz stereotypisiert wird.
Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür, dass das Thema Gender auf die Agenda gekommen ist?
Professorin Dr. Susanne Baer: In den vergangenen Jahren hat es zahlreiche wissenschaftspolitische Initiativen gegeben, die den Hochschulen sehr deutlich sagen, dass sie etwas für mehr Gleichstellung tun müssen. In der Exzellenzinitiative waren internationale Gutachterinnen und Gutachter schockiert, dass kaum Wissenschaftlerinnen auftauchten - und es ist an den Hochschulen, Frauen in die Spitzenbereiche der Wissenschaft zu fördern und ihnen diese Bereiche auch aktiv zu öffnen. Es liegt ja nicht an den Frauen, dass sie unterrepräsentiert sind, sondern an denen, die hier die Türen öffnen oder aber geschlossen halten.
Wenn sich eine Hochschule ums Professorinnenprogramm bemüht, spüren Sie dann in den Konzepten, ob es wirklich eine „Herzensangelegenheit“ ist oder ob rasch ein Maßnahmenkatalog zusammengestellt wurde, um die finanziellen Mittel „abzugreifen“?
Professorin Dr. Susanne Baer: Wer Konzepte bewertet, sollte sich klar machen, was er oder sie „spürt“, denn nur so kommen wir unseren eigenen Vorurteilen auf die Schliche. Die Bewertung orientiert sich aber dann an Kriterien wie Schlüssigkeit, Angemessenheit, fachliche Standards. Da wird schnell sichtbar, wo Kompetenz vorhanden ist oder genutzt wird, und wo sie fehlt. Wer beispielsweise Gleichstellung in den Hochschulen auf die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf reduziert, und dies dann auch nur für Frauen und nicht auch für Männer zum Thema macht, greift zu kurz.
Unterscheiden sich die vorgelegten Konzepte inhaltlich? Gibt es gewisse Standards? Damit meine ich Kinderbetreuungsangebote, Beratung/Coaching oder Mentoring. Gab es eine außergewöhnliche Idee, die Sie und das Gremium überzeugt hat?
Professorin Dr. Susanne Baer: Die Begutachtung der Konzepte im Professorinnenprogramm von Bund und Ländern ist eine vertrauliche Angelegenheit. Im Detail kann und will ich daher dazu nichts sagen. Insgesamt wurden durchaus unterschiedliche Ansätze verfolgt, und es gab qualitativ erhebliche Unterschiede. Deswegen haben einige die Hürde im ersten Anlauf auch nicht genommen. Andere waren innovativ, nicht zuletzt hinsichtlich der Maßnahmen, die wirklich Strukturen verändern können. Wer alle Entscheidungsträger ernsthaft in eine Gleichstellungsstrategie einbinden kann, ist anderen zum Beispiel einen Schritt voraus. Wer Gleichstellung auf Geschlecht, aber auch auf Herkunft und Lebensweise bezieht, arbeitet mit einer Vision der Vielfalt, die künftig immer wichtiger wird. Und wer die Dinge, die Gleichstellungsbeauftragte, der Wissenschaftsrat, die Hochschulrektorenkonferenz oder die DFG (Anm. d. Red.: Deutsche Forschungsgemeinschaft, die zentrale Selbstverwaltungseinrichtung der Wissenschaft zur Förderung der Forschung an Hochschulen) bereits klar formulieren, auf die eigenen Verhältnisse wirklich überträgt, hat ebenfalls gewonnen.
Wenn Sie ein Konzept einer Hochschule ablehnen mussten - was fehlte denn da?
Professorin Dr. Susanne Baer: Auch hier kann ich nur allgemein antworten: Das Wissen um den Diskussionsstand, der in Deutschland erreicht ist, oder: Der Abschied vom Textbaustein. Noch wichtiger: Der Sprung von der freundlichen Rhetorik zu strategischer Planung. Und: Die Übersetzung allgemeiner Ziele in Maßnahmen. Aber viele sind eben auch auf gutem Weg.
Weitere Informationen:
Kontakt zum Lehrstuhl von Prof. Dr. Susanne Baer, LL. M. an der Juristischen Fakultät und dem Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien an der Humboldt Universität zu Berlin.
GenderKompetenzZentrum Berlin
Erstellt am: 21.10.2009



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