„Mehr Mütter können Verantwortung im Beruf übernehmen“
Angelika Jahr-Stilcken, Aufsichtsratmitglied Gruner + Jahr AG
frauenmachenkarriere.de: Frau Jahr-Stilcken, Sie stammen aus einer erfolgreichen Verleger-Familie und hätten sich gemütlich auf den Lorbeeren ihres Vaters ausruhen könnten. Sie haben aber Ihren Kopf durchgesetzt….
Angelika Jahr-Stilcken: Ja, denn ich wollte immer selbst etwas im Leben erreichen. Dazu musste ich meinen eigenen Weg gehen, auch gegen die Pläne meiner Eltern. Denn die wollten mich eigentlich in einem sicheren Beruf sehen. Sie wollten, dass ich Lehrerin werde. (Lacht) Wenn man überlegt, dass meine Eltern zwei Kriege erlebt haben, ist es eigentlich kein Wunder, dass sie sich für ihre Tochter Sicherheit im Beamtentum wünschten.
frauenmachenkarriere.de: Aber statt des Beamtentums wollten Sie als Tochter des mächtigen Verlegers in die Fußstapfen Ihres Vaters treten.
Angelika Jahr-Stilcken: Ich wollte Journalistin werden. Man würde sagen, ich habe es mit der Muttermilch aufgesogen - in diesem Fall war es die Vatermilch. Bei uns gingen die großen Verleger und Journalisten ein und aus: Springer, Augstein, Bucerius, Johannes Groß, Peter Scholl-Latour, Henri Nannen. Schon als Kind hörte ich die Gespräche über Zeitungen und Zeitschriften und dabei entwickelte sich der Wunsch, Journalistin zu werden so stark, dass es wirklich mein Traumberuf wurde. Ich habe meinem Vater klargemacht: Ich bin jung, ich brauche keine Versicherung, ich will meinen Weg gehen.
frauenmachenkarriere.de: Und auf diesem Weg war kein Platz für die Entscheidung zwischen Kind und Beruf?
Angelika Jahr-Stilcken: Natürlich hätte ich mich auch für eins von beiden entscheiden können - aber ich wollte beides. Ich bezeichne mich selbst als ausgesprochenes Muttertier. Aber ich war damals auch Chefredakteurin der Zeitschrift essen & trinken, die ich selber kreiert und publiziert hatte. Ich wollte das Blatt zum Erfolg führen, aber nie zu Lasten meiner Kinder. Grundsätzlich muss ich sagen, waren und sind sie immer das Wichtigste in meinem Leben. Wenn ich je das Gefühl gehabt hätte, den Kindern würde mein berufliches Engagement schaden, hätte ich etwas am Job geändert.
frauenmachenkarriere.de: Für eine Frau ihrer Generation, Jahrgang 1941, war Ihr Wunsch, Kinder und Karriere zu vereinbaren, wahrscheinlich eine ungewöhnliche Einstellung?
Angelika Jahr-Stilcken: Ich war die absolute Ausnahme damals. Und ich bin damals auch angefeindet worden. Und auch wenn meine persönliche Situation durchaus komfortabel war: Zum Beispiel hatte ich zusammen mit meinem Mann ein Einkommen, das eine Einstellung einer guten Kinderfrau erlaubte. Dennoch war ich nicht entbunden von den vielen Herausforderungen, die das Leben für arbeitende Mütter bereit hält. Standen beispielsweise Arztbesuche mit den Kindern an, habe ich diese, wenn es eben ging, mitgemacht. Selbstverständlich habe ich die Arbeitszeit oft auf die Abendstunden verlegt, wenn die Kinder im Bett waren.
frauenmachenkarriere.de: Wenn Sie Ihre Erfahrung zugrunde legen, würden Sie jungen Frauen raten, Job und Familie zu vereinbaren?
Angelika Jahr-Stilcken: Ich habe mich nach der Arbeit immer auf meine Kinder gefreut und die Kinder sich ebenso auf mich. So war ich eine entspannte, fröhliche Mutter. Junge Frauen sollten sich nicht einreden lassen, sie müssten sich zwischen Kind und Karriere entscheiden. Kinder brauchen eine glückliche Mutter um glücklich zu sein. Und Kinder brauchen liebevolle, fürsorgliche Personen, das ist wichtig. Dazu ist es nicht notwendig, dass die Mutter 24 Stunden rund um die Uhr beim Baby ist - Ganztagskindergärten und später Ganztagsschulen sind eine große Hilfe. Gleichwohl habe ich Verständnis für die Frauen, die sich nur auf ihre Kinder konzentrieren: Wer gerne zu Hause bleibt und auf seinen Beruf verzichtet, darf nicht verurteilt werden. Natürlich gilt das auch für Frauen, die Spaß am Beruf haben und bei denen der Wunsch nach Kindern nicht so ausgeprägt ist. Es gilt , gemeinsam mit dem Partner zu entscheiden, was für alle das Beste ist.
frauenmachenkarriere.de: Also eine rein private Entscheidung?
Angelika Jahr-Stilcken: Das entbindet den Staat nicht von der Pflicht, Institutionen zu schaffen, die eine qualifizierte Ganztagsbetreuung bieten. Das ist die Grundlage für alle anderen weiteren Entscheidungen. Europäische Nachbarländer wie Frankreich oder Skandinavien sind da wesentlich weiter als wir. Zum Beispiel auch, was Frauen in leitender Position angeht. Das sehe ich bei uns im Verlag, der ja auch international aufgestellt ist.
frauenmachenkarriere.de: Hand aufs Herz: Sind Kinder und Karriere wirklich kompatibel?
Angelika Jahr-Stilcken: Wichtig ist doch, dass jede Frau so sein kann, wie sie und ihr Partner es möchten. Allerdings weiß ich auch aus der Erfahrung als Arbeitgeberin, dass die drei Jahre Auszeit, die der Mutterschutz gewährt, zu lang sein können, um eine wirklich verantwortungsvolle Tätigkeit ausüben zu können. Je eher Frauen zurück auf ihre alten Positionen kommen, desto besser. Das rate ich auch meiner Tochter, die vor einem halben Jahr einen Sohn bekommen hat. Wenngleich bei diesem Rat ein klein wenig Eigennutz mitspielen mag - ich habe mir nämlich fest vorgenommen, den kleinen Enkelsohn nach Herzenslust zu verwöhnen.
Zur Vita von Angelika Jahr-Stilcken
Erstellt am: 11.05.2009



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