Mittelstand kämpft um die Frauen
Flexible Arbeitszeiten und Familienbindungsprogramme ermöglichen Mitarbeiterinnen gute Karrierechancen
Der Mittelstand sucht in vielen Branchen händeringend nach Fachkräften. Dabei empfehlen sich viele mittelständische Unternehmen als besonders flexible und innovative Arbeitgeber, bei denen Frauen gute Karrierebedingungen vorfinden. frauenmachenkarriere.de hat exemplarisch mit drei Unternehmensvertreterinnen und -vertretern gesprochen, die in ihren Betrieben das Potenzial von Frauen gezielt fördern.
Allein im vergangenen Jahr konnten in Deutschland rund 70.000 Ingenieurstellen nicht besetzt werden, wie das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) ermittelte. Die Hälfte aller 2700 für die Studie befragten Unternehmen entwickelte bereits Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um über innovative Arbeitsplatzmodelle Mitarbeiterinnen zu halten und Neue zu gewinnen.
Ein Umstand, den auch das Unternehmen Phoenix Contact im ostwestfälischen Blomberg erkannt hat: Der Hersteller elektronischer Verbindungselemente bietet hauseigene Betreuungsplätze für Kinder, flexible Arbeitszeiten zwischen sechs und 20 Uhr sowie Teilzeit- und Telearbeitsplätze an. „Im familiengeführten Mittelstand ist die Kreativität für so etwas ausgeprägter als in Großkonzernen, die von einem angestellten Geschäftsführer geleitet werden“, glaubt Pressesprecherin Angela Josephs. Und: „Unternehmen müssen dafür sorgen, dass Familie und berufliches Engagement verbunden werden können.“ Phoenix Contact beschäftigt allein in Deutschland rund 6000 Mitarbeiter und wurde 2008 im Mittelstandswettbewerb „Top Job“, der von der Universität St. Gallen ermittelt wird, zum „Arbeitgeber des Jahres 2008“ gekürt. Der demografische Wandel, so Josephs, mache es absolut notwendig, sich um qualifizierte Frauen zu bemühen, da diese den Unternehmen sonst verloren gingen. Die Angst vieler Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber vor Teilzeitanstellungen hege das Unternehmen nicht, unbedingt wolle man das hoch qualifizierte Personal halten. Über interne Weiterbildungen sollen Wiedereinsteigerinnen schnell wieder eingegliedert werden. Offenbar funktionieren die familienfreundlichen Maßnahmen: Gesehen auf die gesamte Belegschaft gibt es immerhin 900 Kinder.
Wie eine Studie im Auftrag des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) zeigt, wünschen sich 80 Prozent der ingenieurwissenschaftlichen Führungskräfte mit Kindern statt einer Erhöhung des Kindergeldes bessere und günstigere Kinderbetreuung sowie mehr Zeit für die Familie durch flexible Arbeitszeiten. Der IT-Hersteller Syskoplan in Gütersloh setzt dies bereits um. Susanne Schweidtmann, Personalchefin und Mutter von zwei Töchtern, hat noch „keine Mitarbeiterin nach der Erziehungszeit verloren“. „Eine firmeneigene Kinderbetreuung haben wir zwar nicht, da unsere Beraterinnen viel reisen und bei den Kunden vor Ort programmieren“, sagt Schweidtmann, die stattdessen ausgeklügelte und individuelle Arbeitszeitkonten favorisiert. Viele Kolleginnen arbeiten nur von montags bis donnerstags oder bauen in projektfreien Phasen ihr Arbeitszeitkonto ab. Ein Blick in die Stellenanzeigen des Unternehmens zeigt fortlaufenden Personal-Bedarf, auch hier ist man vom allgemeinen Fachkräftemangel zumindest berührt. Unternehmenseigene Veranstaltungen zur Berufswahl für Abiturientinnen und Abiturienten sollen diese Situation verbessern.
Auch der Bergsportausrüster Vaude im baden-württembergischen Tettnang bietet sowohl Teilzeit- als auch Home-Office-Plätze an. „Wir reden individuell mit unseren Mitarbeiterinnen, die in Elternzeit gehen, über ihren Wiedereinstieg und bieten flexible Lösungen an“, sagt Personalleiter Helmut Norwat. Das kann bedeuten, dass man erst später als ursprünglich geplant wieder in den Beruf einsteigt. Oder, dass man zunächst mit Home-Office-Tagen beginnt, um dann vollständig zurückzukehren. Generell hält man zu den Müttern und Vätern des Unternehmens während der Elternzeit intensiv Kontakt, auch Vertretungen im Krankheitsfall von Kollegen während der Elternzeit sind so möglich. Dazu unterhält das Unternehmen 30 Betreuungsplätze für Kinder zwischen sechs Monaten und zehn Jahren im sogenannten Vaude-Kinderhaus, in dem die Eltern jederzeit vorbei schauen können.
Um zukünftigen weiblichen Nachwuchs zu rekrutieren, fand bei Phoenix Contact im September bereits zum vierten Mal der „Frauenpower-Tag - Karrierechancen in Technologieberufen“ statt. Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer sowie Eltern waren eingeladen, sich vor Ort über technische Berufe zu informieren, Lebensläufe checken zu lassen oder sich mit erfolgreichen Frauen über ihren Werdegang zu unterhalten. „Wir wollen zeigen, dass es in technischen Berufen nicht um Kraft, sondern um Grips geht und dass Mädchen das genauso können“, sagt Pressesprecherin Angela Josephs. Das Unternehmen wendet sich bereits gezielt an die Allerkleinsten: In diesem Jahr hat die Firma mit dem Carlsen Verlag ein Pixi-Buch mit dem Titel „Meine Freundin, die ist Ingenieurin“ entwickelt.
Bleibt die Frage nach dem Standort. Denn die meisten Top-Absolventinnen und Top-Absolventen zieht es nach Abschluss ihrer Ausbildung zu den großen bekannten Dax-Unternehmen in die Metropolen. „Dafür kommen junge Hochschulabsolventinnen und -absolventen bei uns schnell in Verantwortung“, wirbt Angela Josephs. Dieser Ansicht ist man auch bei Vaude. Zudem seien die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter laut Personalleiter Helmut Norwat meistens selbst Bergsportfans und schätzen den Firmen-Standort am Bodensee.
Erstellt am: 08.10.2008



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