„Das Wort ‚Rabenmutter’ gibt es im Isländischen nicht“
Vereinbarkeit ist ein Thema für Eltern, nicht nur für die Frauen
Kristín Hjálmtýsdóttir (44), Mutter von vier Kindern und Geschäftsführerin der Außenhandelskammer Island, schildert im Gespräch mit frauenmachenkarriere.de wie selbstverständlich in Island mit dem Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf umgegangen wird.
frauenmachenkarriere.de: Frau Hjálmtýsdóttir, haben Frauen in Island Probleme damit, Beruf und Familie miteinander zu verbinden?
Kristín Hjálmtýsdóttir: Nein, grundsätzlich nicht. Wenn die Kinder gesund sind, werden sie einer Tagesmutter anvertraut oder einer Kleinkindbetreuung. Manche ab zwölf Monaten, manche ab 18 Monaten, das kommt immer darauf an. Aber darf ich etwas sagen zu Ihrer Frage?
frauenmachenkarriere.de: Ja, bitte.
Kristín Hjálmtýsdóttir: Ich wundere mich darüber, dass Sie fragen, ob Frauen damit Probleme haben, Beruf und Familie zu vereinbaren. Bei uns fühlen sich beide Elternteile angesprochen. Es ist nicht die Mutter, die eine Fremdbetreuung der Kinder in Anspruch nimmt, sondern es sind die Eltern. So, wie Männer ebenfalls zu Hause bleiben, wenn mal ein Kind krank ist. Und kein Arbeitgeber oder keine Arbeitgeberin würde es tolerieren, würde immer nur die Mutter im Krankheitsfall des Kindes zu Hause bleiben.
frauenmachenkarriere.de: Woran liegt das, dass die Frauen so selbstbewusst sind? Gibt es in Ihrer Heimat eine Tradition der „starken Frauen“?
Kristín Hjálmtýsdóttir: Da kommen sicher viele Faktoren zusammen. Es gibt bei uns viele weibliche Vorbilder, zum Beispiel in der Politik. Wir haben schon lange eine Frau als Präsidentin - so lange, dass Kinder denken, nur Frauen könnten Präsidentinnen sein. Wir hatten eine Bürgermeisterin in Reykjavík, die jetzt Außenministerin ist. Dann haben wir nicht solche Wertediskussion geführt, wie Sie es in Deutschland tun. Das Wort „Rabenmutter“ gibt es im Isländischen nicht. Es spielen aber auch praktische Dinge eine Rolle: Hier sind in der Regel die Wege kürzer. Ich brauche nur fünf Minuten ins Büro, es dauert nicht lange, die Kinder vorher in den Kindergarten zu bringen. Manche Leute suchen sich Kindergärten nahe der Arbeitsstelle...
frauenmachenkarriere.de: Glauben Sie, dass Politik Einfluss nehmen kann auf Geburtenziffern?
Kristín Hjálmtýsdóttir: Politik kann sicherlich die Rahmenbedingungen schaffen. Bleiben wir beim Beispiel Kinderbetreuung: Es geht ja darum, dass Angebote da sind. Und zwar qualitätsvolle Angebote, keine Aufbewahrungscontainer. Dann können die Eltern ja immer noch selbst entscheiden, was sie tun. Bei uns haben die Eltern, die auch ihre kleinen Kinder betreuen lassen, nicht das Gefühl, sie delegierten ihre Erziehungsaufgaben an den Staat.
frauenmachenkarriere.de: Sind in Island Frauen Männern im Beruf absolut gleich gestellt?
Kristín Hjálmtýsdóttir: Wir haben sicherlich die gleichen Ausbildungs- und Aufstiegschancen. Aber das Problem der „pay-gap“ kennen wir auch - noch immer verdienen Männer in vergleichbaren Positionen mehr. Aber in diesem Bereich wird sich etwas tun, das wird momentan stark diskutiert.
Erstellt am: 24.08.2007



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