„Ich wollte immer in die Bibliothek“
Interview mit der Direktorin der Badischen Landesbibliothek
Dr. Julia Freifrau Hiller von Gaertringen ist seit 2009 Direktorin der Badischen Landesbibliothek, einer der größten und bedeutendsten ihrer Art in Deutschland. Zuvor leitete die über das Werk Erhart Kästners promovierte Literaturwissenschaftlerin die Lippische Landesbibliothek Detmold und stellvertretend das Lippische Literaturarchiv.
frauenmachenkarriere.de: Frau von Hiller, Sie haben am 1. Mai 2009 die Leitung der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe übernommen. Hat die Studentin Julia von Hiller von der jetzigen Direktorin schon eine Vorstellung gehabt? Können Sie Ihren Weg in dieses Amt beschreiben?
Julia von Hiller: Nein, davon habe ich bis zum letzten Jahr noch keine Vorstellung gehabt. Ich war sehr zufrieden mit meiner Arbeit an der Lippischen Landesbibliothek in Detmold, an der ich 13 Jahre lang tätig war, und hatte es nicht unbedingt darauf abgesehen, Karriere zu machen. Es gab überhaupt nur eine Handvoll Bibliotheken, für deren Leitung ich mich interessiert hätte. Aber als unerwartet die Direktorenstelle der Badischen Landesbibliothek frei wurde, da hatte das auf mich doch eine sehr große Anziehungskraft.
Abgesehen davon verlief mein beruflicher Weg allerdings sehr geradlinig. Schon die Studienschwerpunkte meines Hauptfachs Deutsche Philologie lagen alle im medienkundlichen Bereich: ich habe mich damals vorzugsweise mit Handschriften, Flugblättern, populären Lesestoffen und Reiseliteratur befasst - mit Quellen also, die in Bibliotheken überliefert sind. Ganz eindeutig war die Bibliothek von Anfang an mein Berufsziel.
Hat es Momente des Zweifels gegeben, Entscheidungen am Kreuzweg oder Widerstände, die überwunden werden mussten?
Julia von Hiller: Nein, ich wollte immer in die Bibliothek, und ich habe es geschafft. Viele mit der gleichen Motivation schaffen es nicht. Ich bin da schon sehr dankbar. Dazu habe ich auch Grund, denn wenn es schon keine Zweifel oder Kreuzwege gab, so gab es doch Hindernisse, die nur mit Hilfe engagierter Mentoren zu beseitigen waren. Als ich mich 1993 für ein Bibliotheksreferendariat in Niedersachsen bewarb, erhielt ich die Auskunft, dass das nicht möglich sei. Warum nicht? Ich hatte an einer niedersächsischen Universität das Studium mit der Promotion abgeschlossen, das war ein damals bereits ungewöhnlicher, aber immer noch möglicher erster Studienabschluss. Die Ausbildungs- und Prüfungsordnung für den höheren Bibliotheksdienst zählte allerdings die erforderlichen Studienabschlüsse einzeln auf - Staatsexamen, Diplom, Magisterexamen - die Promotion kam nicht vor. Also war meine Bewerbung aus formalen Gründen gar nicht zulässig. Das Land Nordrhein-Westfalen war da liberaler. Und Bibliotheksdirektor a. D. Dr. Ulrich Pflugk hat mich mit persönlichem Einsatz unterstützt. Auch schon vorher im Studium und nachher im Beruf hat es Menschen gegeben, die eine Weiche für mich gestellt haben. Was man wird, verdankt man eben nicht nur sich selbst.
Üben Sie Ihren Traumjob aus?
Julia von Hiller: Haben Sie daran noch Zweifel?
In einer langen Reihe von männlichen Vorgängern sind Sie die erste Leiterin der Landesbibliothek. Wie beurteilen Sie die Chancengleichheit in Ihrer Branche?
Julia von Hiller: Das Bibliothekswesen ist traditionell eine weibliche Branche. Im Bereich der Diplom-Bibliothekare beziehungsweise der Bibliothekare des gehobenen Dienstes dominieren die Frauen schon, seit es den Beruf gibt. Als der Beruf der Bibliothekarinnen und Bibliothekare um 1900 entstand, war er ein klassischer Hilfsberuf; in wissenschaftlichen Bibliotheken assistierten weibliche Bedienstete den akademisch qualifizierten Direktoren und nahmen ihnen klassische Verwaltungstätigkeiten und Benutzungsdienste ab. Zugleich aber war der Beruf der Bibliothekarin im Rahmen der Ausbildung weiblicher Berufstätigkeit ähnlich wie der der Lehrerin besonders attraktiv. Denn es schadete dem Sozialprestige durchaus nicht, wenn Töchter aus bürgerlichem Hause diesen Beruf ergriffen und sich im Umfeld akademischer Tätigkeit einen Platz suchten. Das alles spielt heute keine Rolle mehr, aber bei der Dominanz von Frauen im Berufsfeld ist es geblieben. Sicher hat das auch damit zu tun, dass es sich um einen Kommunikationsberuf handelt, der als solcher bei Frauen sehr beliebt ist. In der Badischen Landesbibliothek ist die Repräsentanz von Frauen in allen Bereichen gegeben, der Anteil der Frauen bei den Beschäftigten beträgt 77 Prozent.
Das gilt also auch für den Frauenanteil in den Führungspositionen?
Julia von Hiller: Etwas anders sah es, historisch betrachtet, im höheren Bibliotheksdienst aus. Als 1893 der „Erlass, betreffend die Befähigung zum wissenschaftlichen Bibliotheksdienst“ an den preußischen Bibliotheken erstmals eine bestimmte Qualifikation für den Berufseintritt forderte, waren Frauen automatisch schon dadurch ausgeschlossen, dass die Berufseinsteiger das Abitur an einem humanistischen Gymnasium absolviert haben mussten. Erst in diesem Jahr, 1893, wurde - ausgerechnet bei uns in Baden - das erste staatliche Mädchengymnasium gegründet. Erst nach 1914 traten Frauen in den höheren Bibliotheksdienst ein.
Wie in allen akademischen Berufen ist es sehr lange bei der Dominanz der Männer geblieben. Nicht erst in den siebzehn Jahren, die ich dem Berufsstand nun selber angehöre, hat sich das jedoch rasant verändert. Frauen haben ganz schnell aufgeholt und besetzen auch längst die höchsten Positionen in der Branche. In meinem eigenen Haus haben wir inzwischen fünf Frauen und vier Männer im höheren Dienst.
Was empfehlen Sie Studentinnen, die einen Berufsweg in den höheren Dienst an wissenschaftlichen Bibliotheken anvisieren?
Julia von Hiller: Verschaffen Sie sich die nötige fachliche Qualifikation, arbeiten Sie in bibliothekarischen Projekten mit und trainieren Sie Ihre sozialen Kompetenzen! Jede Position im höheren Bibliotheksdienst ist heute auch eine Führungsposition. Und wer da nicht kommunikativ ist, nicht selbstsicher und belastbar, nicht organisatorisch begabt, zielorientiert und durchsetzungsfähig, wird es schwer haben, als Bewerberin zu überzeugen. Für den Berufserfolg sind heute nur noch Ihr Engagement, Ihre Leistung und Ihre Führungsstärke ausschlaggebend.
Sie sind inzwischen über ein halbes Jahr in Ihrem Amt. Können Sie ein erstes Fazit ziehen? Mit welchen Visionen schauen Sie in die Zukunft?
Julia von Hiller: Für ein Fazit erscheint es mir noch zu früh. In den ersten hundert Tagen habe ich mir ganz bewusst die Zeit genommen, das Haus kennenzulernen. Als diejenige, die neu die Verantwortung für das Ganze übernimmt, habe ich die Vorstellungen meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erfragt, ihre Anregungen und Verbesserungsvorschläge aufgenommen und alles dies erst einmal gesammelt und sortiert. Einige Neuerungen haben wir dann in Angriff genommen.
Visionen habe ich nicht. Das passt auch nicht zu einer Dienstleistungseinrichtung, die sich sehr genau am Bedarf ihrer Benutzer orientieren muss. Aber wenn ich fünf Jahre weiterschaue: Dann können wir unter anderem unsere vielfältigen regionalen Informationsangebote gemeinsam mit Archiven, Museen, Ämtern und Forschungseinrichtungen in einem überzeugenden landeskundlichen Internetportal anbieten. Dann haben wir lauter neue Aufgaben vor uns, von denen wir jetzt noch gar nichts wissen.
Erstellt am: 22.03.2010



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