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„Freiwillig wird Frauen kein Platz gemacht“

 

Prof. Doris Henne-Bruns, Ärztliche Direktorin der Abteilung Viszeral- und Transplantationschirurgie der Universitätsklinik Ulm

 

In der Medizin ist es für Frauen - im Vergleich zu vielen anderen Berufsgruppen - besonders schwer in Leitungspositionen aufzurücken. Haben Sie in Ihrer Laufbahn Hindernisse erlebt?
Doris Henne-Bruns:
Persönlich habe ich wenig Hindernisse erlebt - vielleicht habe ich sie auch nicht als solche wahrgenommen. Als ich Anfang der 1980er meine ersten Schritte als Ärztin im Kreiskrankenhaus in Reinbek unternahm, waren wir zwei Assistenzärztinnen und vier Assistenzärzte und arbeiteten sehr kollegial. Jeder hatte 20 Betten zu betreuen und durfte die Patienten, für die sie oder er zuständig war, auch operieren. Da gab es keine Rivalitäten. Auch an der Uniklinik Hamburg, meiner zweiten Station, gab es für die damalige Zeit relativ viele Assistenzärztinnen in der Allgemeinchirurgie. Der Chefarzt dort propagierte zwar nicht gerade Frauenförderung, aber er war vorurteilslos. Wer talentiert war, wurde auch gefördert. Ich habe mich dort im Transplantationsprogramm engagiert und durfte auch relativ früh große Operationen durchführen. Direkt nach meiner Facharztqualifizierung wurde ich dort Oberärztin, das war durchaus ungewöhnlich. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Um in der Medizin Karriere zu machen, ist Können, Konstitution und Begeisterung nötig - und eben auch eine Portion Glück, ob sie in einem guten Team arbeiten beziehungsweise dort gefördert werden.

Auch wenn Sie selbst kaum Hindernisse erlebt haben: Gab es denn welche?
Doris Henne-Bruns:
Reale, offene Hindernisse - nein. Auch damals, während meiner Ausbildungszeit, konnte sich schon niemand mehr erlauben, eine Frau offen zu diskriminieren. Das lief - und läuft noch immer - subtil ab, beispielsweise durch Bemerkungen wie: „Ob Sie das denn schaffen in der Chirurgie?“ Verdeckte Hürden machen sich vor allem aber in Gremien bemerkbar, wo „Mann“ unter sich ist. Es wird zwar immer von Chancengleichheit gesprochen, aber in diesen Gremien schieben sich die Mitglieder - und das sind vor allem Männer - häufig die Posten gegenseitig zu. Dies ist ein Beispiel für die sogenannte „gläserne Decke“.

Wie sollten Frauen auf diese Hindernisse reagieren?
Doris Henne-Bruns:
Alleine wird eine Frau relativ wenig erreichen. Es ist der Vorteil der Männer, dass sie auf ihre Netzwerke und Beziehungsgeflechte zurückgreifen können. Frauen müssen sich diese erst aufbauen. Außerdem sollten Frauen unbedingt offen thematisieren, falls es zu Benachteiligungen kommt. In solchen Fällen haben Medizinerinnen heute eine viel stärkere Position, weil der Personalengpass in der Medizin so dramatisch ist.

Ist auch die Politik gefordert?
Doris Henne-Bruns:
Auf jeden Fall, denn die Geschlechterfrage ist eine Frage der gesellschaftlichen Sozialisierung - ob es nämlich selbstverständlich ist, dass Mütter arbeiten gehen. Deshalb muss der Staat für eine gute und ausreichende Infrastruktur bei der vorschulischen und schulischen Betreuung und Bildung sorgen - wie beispielsweise in Schweden oder Frankreich, wodurch es Frauen eher ermöglicht wird, Beruf und Familie konstant zu vereinbaren und in Spitzenpositionen vorzustoßen. Ferner brauchen wir Quoten für die Besetzung von Leitungsfunktionen, von deren Erfüllung die Vergabe von Fördergeldern abhängig gemacht wird. Anders geht es nicht, freiwillig wird Frauen kein Platz gemacht.

Ihr Fach, die Chirurgie ist eine besonders ausgeprägte Männerbastion, gerade einmal 15 Prozent Chirurginnen gibt es. Warum?
Doris Henne-Bruns:
Der harte, teilweise chauvinistische Umgangston in der Chirurgie schreckt viele ab. „Maul halten, Haken halten, durchhalten“ - solche Sprüche habe ich noch erlebt in meiner Ausbildungszeit. Auch wenn sich das etwas geändert hätten, denken viele PJ-lerinnen (Medizinstudentin im Praktischen Jahr) nach ihrer Zeit in der Chirurgie: „Nein danke“. Sie wollen sich dieser Atmosphäre nicht aussetzen - und manche männlichen Kollegen legen Frauen auch immer noch nahe, dass das Fach zu hart für sie sei. Dabei haben Medizinerinnen in der Regel die besten Voraussetzungen für die Chirurgie: Sie sind hochgeschickt und können sehr gut mit Patientinnen und Patienten umgehen.
Viele Medizinerinnen scheuen die Chirurgie auch, weil die berufliche Perspektive eingeschränkter ist als in anderen Bereichen. Chirurginnen und Chirurgen sind eher ans Krankenhaus gebunden. Wer sich beruflich weiter entwickeln will, muss versuchen, in höhere Ränge aufzusteigen. Und selbst wenn der chirurgische Teilbereich eine Niederlassung erlaubt, ist das aufgrund der hochwertigen Gerätschaften, die benötigt werden, sehr kostspielig.

Während Ihrer Ausbildungszeit war der Männeranteil in der Chirurgie vermutlich noch höher. War es manchmal hart, sich als Frau zu behaupten?
Doris Henne-Bruns:
Ich bin ein fröhlicher Mensch und nicht auf den Mund gefallen. Wer mir mit einem dummen Spruch kam, den habe ich einmal in die Schranken gewiesen, dann war Ruhe. Nachdem ich dann als erste Chirurgin in Hamburg habilitiert hatte, einer eher konservativen Uniklinik, wurde ich zum „exotischen Tier“ und hatte einen „Exotenbonus“. Ich war auf einmal bekannt und wurde eher wahrgenommen.

Wie ließe sich die Männerbastion Chirurgie knacken?
Doris Henne-Bruns:
Viel wäre schon getan, wenn sich mancherorts der Umgangston ändern würde. Zudem müsste die Einteilung bei Operationen in vielen Fällen fairer reguliert werden. Die Erfahrung zeigt, dass Männer bei der Durchsetzung ihrer Interessen viel fordernder sind. Gleichzeitig werden Frauen oft besser von Patientinnen und Patienten angenommen, weil sie kommunikativer sind. Deshalb war die Arbeitsteilung in der Chirurgie häufig: Frauen auf Station, Männer in den OP.

1984 führten Sie als erste Frau eine Lebertransplantation durch, 2001 erhielten Sie als erste Frau in Deutschland einen C4-Lehrstuhl für Chirurgie. Sehen Sie sich als Vorbild für junge Medizinerinnen?
Doris Henne-Bruns:
Ich sehe meinen Weg als Motivation, dass man es schaffen kann, wenn man es möchte. Deshalb versuche ich in meiner Position, alle zu fördern und zu unterstützen die persönlichen Lebens- und Karriereziele, die ja ganz unterschiedlich sind, zu erreichen. Wichtig ist, dass die Menschen zufrieden sind, sonst haben sie keine Freude an dem Beruf - das wäre zum einen für die Patientinnen und Patienten schlimm und zum anderen für den Betroffenen, weil dieser dann am Leben vorbeigeht.

Konnten Sie denn Ihre beruflichen und privaten Lebensziele bisher verwirklichen?
Doris Henne-Bruns:
Eindeutig ja! Mein Mann und ich haben unsere berufliche Entwicklung parallel gemacht. Unsere Familienplanung hat spät begonnen, ist aber sehr glücklich. Die organisatorische Mehrbelastung seit unser Sohn auf die Welt kam haben wir beide getragen, so konnten wir beide unsere Ziele umsetzen. Es ist ein Glücksfaktor, eine Partnerschaft zu haben, in der man den beruflichen und privaten Weg miteinander geht und sich gegenseitig unterstützt.

Inzwischen sind 60 Prozent der Medizinstudierenden Frauen. Erobern Frauen gerade die Medizin im Sturm - und so irgendwann auch die Spitzenpositionen?
Doris Henne-Bruns:
Das sehe ich leider noch nicht ganz so, sondern befürchte, dass männliche Netzwerke bei Berufungen und Gremienbesetzungen noch lange dominieren. Dann führt die „Feminisierung der Medizin“ zu einer Zweiteilung: Männer besetzen die Leitungsebenen und Frauen machen die Basisarbeit. Ich glaube jedenfalls nicht, dass die 60 Prozent Berufseinsteigerinnen in absehbarer Zeit ihrem Anteil entsprechend in Führungspositionen aufsteigen.

Was müsste passieren?
Doris Henne-Bruns:
Wir brauchen für viele Verfahren deutlich mehr Transparenz. Beispielsweise dürften in Begutachtungsverfahren für Drittmittelanträge die Gutachter nicht mehr anonym bleiben wie das bisher ist, dann wäre eine nicht leistungsbezogene Einflussnahme nicht so leicht möglich. In Berufungsgremien könnten auch externe Fachleute sitzen. Wir wären dann das inneruniversitäre Gemauschel los, bei dem häufig neben den sach- und leistungsbezogenen Kriterien die subjektive Einstellung einzelner Gremienmitglieder ausschlaggebend ist. Ich bin mir sicher, dass wir mit wir transparenten Strukturen die Old-Boys-Networks aufknacken und Frauen bessere Chancen ermöglichen könnten.

Glauben Sie, dass es in Zukunft Medizinerinnen leichter gelingen wird, Kinder und Karriere zu kombinieren?
Doris Henne-Bruns:
Die Chance, dass sich etwas ändert ist in der Medizin derzeit aufgrund des Nachwuchsmangels sehr günstig. Die Förderung von Medizinerinnen ist deshalb auch in den entsprechenden Gremien und Institutionen ein Thema. Eine Grundvoraussetzung ist natürlich, dass die Rahmenbedingungen stimmen - also unter anderem Betriebskindergärten und flexible Arbeitszeiten. Entscheidend ist aber auch, welche Grundstimmung verbreitet wird, das heißt, ob der Tenor ist: „Es ist sowieso unmöglich, Beruf und Familie zu vereinbaren“ oder ob Sie sagen: "Es ist möglich. Es kostet zwar ein bisschen Kampf, aber es klappt und ist super." Ich habe auch die Ratschläge gehört, dass die Chirurgie nichts für Frauen sei und ich in diesem Fach nicht vorwärts kommen würde. Aber ich habe mich nicht davon abschrecken lassen, meinen Traumberuf zu ergreifen.

Zur Vita von Doris Henne-Bruns

Erstellt am: 11.05.2009


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