„Verantwortung zählt in Männerberufen mehr“
Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)
Eines ihrer Lieblingsthemen ist die unterschiedliche Wahrnehmung von Frauen und Männern in Führungspositionen. Während Frauen sehr nach Persönlichkeit und Äußerlichkeiten beurteilt würden, stünden bei Männern dagegen Inhalte und Kompetenzen im Vordergrund, so Jutta Allmendinger. Ob diese Sichtweisen auch ein Grund für die Lohndifferenz zwischen Frauen und Männern sei? „Ja, und zwar in einem bemerkenswerten Geflecht“, erwidert sie.
Der Durchschnittsstundenlohn von Frauen in Deutschland liegt rund 23 Prozent unter dem der Männer. Damit nimmt Deutschland bei der Lohngleichheit unter den EU-Mitgliedstaaten den siebtletzten Platz ein. Die Gründe dafür sind inzwischen gut erforscht: Im internationalen Vergleich sind in Deutschland die familienbedingten Berufsunterbrechungen von Frauen lang und der Wiedereinstieg problematischer, erklärt Jutta Allmendinger. Im Zusammenspiel mit familienbedingten Erwerbsreduzierungen und den in Unternehmen nicht selten angewandten Senioritätsregeln (Aufstieg ist abhängig von der Anzahl der Berufsjahre) wirken sich die Unterbrechungen dauerhaft nachteilig aus. „Ein anderer ganz wesentlicher Grund ist aber die Tarifstruktur in Deutschland“, sagt die Wissenschaftlerin: „In der Tariftabelle zählt Verantwortung viel. Berufe werden dann besser bezahlt, wenn sie eine hohe Verantwortung erfordern. Doch Verantwortung ist nicht gleich Verantwortung, Verantwortung in Männerberufen zählt mehr als in Frauenberufen.“ So bleiben typische Frauenberufe schlechter bezahlt als „typische Männerberufe“. Jutta Allemendingers Lieblingsbeispiel: Ein Tierpfleger, der im Zoo die Menschenaffen betreut, und eine Erzieherin im Kindergarten. „Beide Ausbildungen dauern gleich lange, und die Berufe sind vergleichbar, aber der Faktor Verantwortung wird beim Tierpfleger-Beruf tariflich höher bewertet, als beim Erzieher-Beruf“, erläutert sie.
Jutta Allmendinger weist darauf hin, dass neben der Lohnlücke, die anhand des Stundenlohnvergleichs gemessen wird, auch der Vergleich der tatsächlichen finanziellen Situation von Frauen und Männern stärker in den Blick genommen werden sollte. Der monatliche Nettoverdienst von Frauen bildet den Lebensstandard ab - „und da ist der Unterschied zwischen Frauen und Männern riesig, das ist Realität, die empirische Wirklichkeit von Deutschland heute“, unterstreicht sie. Für den Vergleich von Frauen- und Männereinkommen interessant sei außerdem die vollständig bereinigte Lohndifferenz, die Frauen quasi zu Männern macht - im exakt gleichen Job im gleichen Unternehmen, in der gleichen Position mit gleichem Stundenumfang und der gleichen Kinderzahl. „Dann beträgt der Lohnunterschied - je nach Untersuchung - immer noch etwa zehn bis zwölf Prozent. Dieser unerklärte Rest muss uns beunruhigen.“
Die gängige Behauptung, Frauen seien zum Teil selbst schuld an ihren niedrigen Gehältern, weil sie in Lohnverhandlungen zu bescheiden auftreten, ärgert Jutta Allmendinger. Weil zum Grundgehalt zunehmend auch variable Anteile kommen und Unternehmen ihre Vergütungsstrukturen nicht offen legen, sei das Lohngefüge in Deutschland sehr intransparent und die Verhandlungsmacht eingeschränkt: „Wenn ich nicht herausbekomme, was mein Vorgänger verdient hat, kann ich bei Berufungsverhandlungen auch nicht das gleiche Gehalt einfordern. Das liegt nicht daran, dass ich nicht in der Lage bin, Verhandlungen zu führen. Ich weiß schlichtweg nicht, um was ich verhandeln soll“, betont sie. Die Tatsache, dass es zu wenige Frauen in Führungspositionen gebe, verstärke für Frauen die Intransparenz, so Jutta Allmendinger: „Männer können nicht besser verhandeln. Aber sie sind meist mit Menschen befreundet, die auch Statuspositionen innehaben, und mit denen sie kumpelhaft bei einem Bier Informationen austauschen. Ich kenne nur sehr wenige Frauen, die in einer vergleichbaren Position sind.“
Ihre Prognose für die Zukunft ist dennoch positiv: „Wenn wir die Frauen und Männer, die heute in den Arbeitsmarkt eintreten, in zehn Jahren wieder betrachten, wird der Lohnunterschied nicht mehr so groß sein, wie bei jenen Frauen und Männern, die vor zehn Jahren in den Beruf eingestiegen sind“, davon ist Jutta Allmendinger überzeugt. Denn der Fachkräftemangel in einem breiten Areal von gut qualifizierten Berufen sei enorm. „Davon profitieren allerdings hauptsächlich junge, hoch gebildete Frauen, die der deutsche Arbeitsmarkt dringend braucht“, sagt sie. Für diese Gruppe werde sich die Lohndifferenz in absehbarer Zeit deutlich verkleinern. Wie sehr der Fachkräftemangel die deutsche Wirtschaft umtreibe, davon zeugten auch die Unternehmensprogramme und -wettbewerbe zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. „Ich bin keine Berufsoptimistin“, so Jutta Allmendinger, „aber ich finde schon, dass sich auf dieser Ebene viel getan hat. Es kann und muss noch besser werden, denn bislang nutzen bei weitem nicht alle Unternehmen Vereinbarkeitsmodelle.“ Inwieweit sich auch für die Gruppe der geringer qualifizierten Frauen der Lohnabstand zu Männern verringere, hänge vor allem davon ab, „ob wir es schaffen, die Tarifstruktur des deutschen Berufssystems nach geschlechtsspezifischen Zuschreibungen zu durchforsten und der Diskriminierung entschlossen entgegenzutreten“, erklärt Jutta Allmendinger.
Eine konkrete Möglichkeit, Rollenstereotype zu überwinden, wäre, das deutsche Steuersystem von der geltenden kollektiven Besteuerung hin zu einer individuellen Besteuerung zu reformieren. Ohne die Lohnsteuerklasse V hätten Frauen am Ende des Monats mehr Geld in der Tasche, so Jutta Allmendinger. Das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG) sieht sie als wichtiges Instrument, um das gesetzlich schon lange festgeschriebene Lohngleichheitsgebot durchzusetzen. „Das Gesetz bietet Sanktionsmöglichkeiten, die die Einhaltung der Spielregeln verbessern“, erläutert Jutta Allmendinger. „Die Möglichkeiten, die das Gesetz bietet, müssen ausgenutzt werden“, betont sie.
Zur Vita von Jutta Allmendinger
Erstellt am: 11.05.2009



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