Literaturnobelpreis für Doris Lessing
Autorin empfindet Auszeichnung als „Royal Flush“
In der Geschichte des Literaturnobelpreises ist Doris Lessing die elfte Frau, die diese Auszeichnung ihr Eigen nennen kann. Lessing gilt neben Virginia Woolf als eine der wichtigsten weiblichen Persönlichkeiten der britischen Literatur. Ihr Buch „Das goldene Notizbuch“ gilt als Meilenstein der feministischen Literatur.
Der Preis ist mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro dotiert und wird am 10. Dezember vom schwedischen König Carl XVI. Gustaf überreicht. In der Begründung des Nobel-Komitees hieß es, die 88 Jahre alte Doris Lessing sei "die Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat". Horace Engdahl, Chef der schwedischen Akademie, kommentierte die überraschende Vergabe folgendermaßen: "Dies ist eine der wohldurchdachtesten Entscheidungen, die wir jemals getroffen haben."
Auch für Doris Lessing kam die Auszeichnung unerwartet - sie war einkaufen, als Horace Engdahl versuchte, ihr die Entscheidung telefonisch mitzuteilen. Erst gute zwei Stunden später, als sie mit einem Taxi vor ihrem Haus im Norden von London vorfuhr, erfuhr Lessing von Reportern, dass sie den Nobelpreis bekommen würde. Sie reagierte augenscheinlich erfreut, die Nachrichtenagentur AP zitierte sie mit den Worten: "Das geht jetzt schon 30 Jahre lang so. Ich habe alle Auszeichnungen in Europa gewonnen, jeden verdammten Preis! Also bin ich entzückt, sie jetzt alle zu haben. Es ist ein 'Royal Flush'."
Lessings Werk „Das goldene Notizbuch“ (1962) gilt als Klassiker moderner Literatur. Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei politisch engagierte, intellektuelle Frauen, die sich gegen die Dominanz der Männer durchsetzen wollen. Das Buch gilt wegen dieser emanzipatorischen Thematik als Meilenstein der feministischen Literatur. Ihren Ruf als Feministin errang Doris Lessing jedoch eher gegen ihren Willen, als das „Notizbuch“ für sie unerwartet zum Erfolg wurde. Die Schriftstellerin, die sich lange Zeit politisch und gesellschaftlich engagierte, wollte sich nie vom Feminismus vereinnahmen lassen; nichtsdestotrotz ist die selten unbeschwerte Beziehung zwischen Mann und Frau ein Grundthema ihrer Bücher. In ihrem jüngsten Roman "Die Kluft" beschreibt sie eine fiktive, aber sehr friedliche Welt voller Frauen - in die erst mit den Männern auch die Probleme einziehen.
Die Autorin wurde 1919 als Doris May Taylor in Kermanshah im Iran geboren. Ihr Vater, ein kriegsversehrter britischer Offizier, zog später mit der Familie ins damals britische Südrhodesien (heute Simbabwe). Die Zeit in Afrika prägte sie und ihr Werk entscheidend. Wegen ihrer Kritik an der Rassentrennung durfte sie jahrzehntelang nicht nach Rhodesien und Südafrika reisen. Ihren ersten literarischen Erfolg erzielte Doris Lessing 1949, als sie nach England übersiedelte - im Gepäck den Roman „Afrikanische Tragödie“ über eine verbotene schwarz-weiße Liebe. In Afrika ließ sie zwei Kinder aus ihrer Beziehung zu einem Kolonialoffizier zurück. Später heiratete sie den deutschen Exil-Kommunisten Gottfried Lessing, von dem sie einen Sohn hat, der nach der Trennung auch bei ihr blieb.
Doris Lessing selbst war bis zum sowjetischen Einmarsch in Ungarn Mitglied der britischen Kommunisten. Heute hat sie für politische Bewegungen wenig übrig, wie der Romanzyklus „Martha Quest“ zeigt: Die Verantwortung des einzelnen für sich selbst im Konflikt mit der Gesellschaft ist dort das Thema. Lessing gilt neben Virginia Woolf als eine der wichtigsten weiblichen Persönlichkeiten der britischen Literatur. Als bislang letzte deutschsprachige Autorin hatte 2004 Elfriede Jelinek aus Österreich den Preis erhalten. In der mehr als 100-jährigen Geschichte des Literaturnobelpreises ist Doris Lessing erst die elfte Frau, die diese Auszeichnung zuerkannt bekommen hat. Preisträgerinnen waren neben Jelinek unter anderem Pearl S. Buck (1938), Nadine Gordimer (1991) und Toni Morrison (1993). Seit der ersten Vergabe 1901 wurden 93 Männer ausgezeichnet.
Erstellt am: 13.11.2007



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